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Jusos öffnen

Diese beiden Worte sorgen zur Zeit für große Aufregung bei den Jusos. Ein Antrag aus verschiedenen Unterbezirken soll für „Stimmung“ beim Juso-Bundeskongress am kommenden Wochenende sorgen. Eine große Mehrheit wird diesen Antrag wohl dennoch ablehnen. Der Grund darin liegt nicht, dass es kein Interesse daran gäbe die Jusos zu öffnen, sondern vielmehr darin, dass es in dem Antrag nur nebenher um eine Öffnung für neue Zielgruppen geht.

Hauptziel des Antrages ist es nämlich den Juso-Bundesvorstand zu bashen. Der Antrag gibt dem Bundesvorstand die Schuld an dem schlechten Bundestagswahlergebnis und blendet die Realitäten vollkommen aus. Auf Jugendkulturen hingegen geht der Antrag gar nicht ein. Es gibt keine Punkte oder Forderungen mit denen eine wirkliche Öffnung der Jusos verbunden wäre. Der Antrag hat also einen Titel, mit dem der Text überhaupt nichts zu tun hat.

Ein halbwegs ehrlicher Antrag müsste jedoch anders aussehen z.B. wie folgt:

Die Bundestagswahl 2009 war für die SPD desaströs – auch im Bereich der Jung- und ErstwählerInnen. Dies hatte mehrere Gründe:

  1. Zwar hatten wir ein durchaus gutes Wahlprogramm, jedoch war dieses Wahlprogramm durch vorheriges Regierungshandeln auch in Verbindung mit dem Spitzenkandidaten nicht glaubwürdig und hatte kein Alleinstellungsmerkmal für junge Menschen. Eher links orientierte junge Erwachsene – die immer noch die Mehrheit in dieser Altersklasse darstellen – nutzten ihre Stimme, um die Grünen, die Linkspartei oder die Piratenpartei zu unterstützen. Es war weiterhin – wohl auch und gerade durch die Freiheitsthematik – ein Anstieg des Anteils der FDP an den JungwählerInnenstimmen zu beobachten.
  2. Die SPD hat in den vergangenen Jahren Politik gegen junge Menschen gemacht. Trotz klarer Forderungen von uns Jusos hat die SPD z.B. die Netzsperren mit eingeführt, hat keine echte Ausbildungsgarantie ( z.B. durch die Ausbildungsplatzumlage) geschaffen, hat durch die Einführung von Mini- und Midi-Jobs Arbeitsbedingungen und Bezahlung gerade von jungen Menschen verschlechtert, keine Antwort auf den zunehmenden Missbrauch von PraktikantInnen als Billigarbeitskräfte gefunden und in einigen Bundesländern Studiengebühren/Studienkonten eingeführt. Hier wäre die SPD gut beraten gewesen auf ihre eigenen jungen GenossInnen, nämlich uns Jusos, zu hören.
  3. Die Jusos vertreten zwar die richtigen Positionen, haben aber immer wieder mit zwei Dingen zu kämpfen: Der Glaubwürdigkeitskonflikt in Bezug zur SPD und fehlende Kontakte in die zahlreichen Jugendsubkulturen.

Dies bedeutet für uns:

SPD hör auf uns!

Die SPD muss stärker auf unsere Ideen und Forderungen für die junge Generation eingehen. Es darf nicht wieder passieren, dass Gesetze gegen die Meinung und die Lebensrealität junger Menschen gemacht werden. Dazu müssen wir Jusos lauter werden und stärker auf die Durchsetzung unserer Positionen drängen – im Zweifelsfall auch mit unserem Einsatz bei Wahlkämpfen.

Schluss mit dem „Johannes-Kahrs-System“!

Politik in der SPD darf nicht weiter über „Günstlinge, Abhängige und Unterstützer“ (Zitat FAZ) funktionieren. Den Aufbau systematischer Machtkreise, bei dem auch Spenden aus der Rüstungsindustrie hilfreich sind, darf es nicht weiter geben. Wir wollen eine SPD, in der offen und ehrlich diskutiert und gestritten werden kann und nicht Telefonterror und Mobbing Alltag sind. Wer gegen selbstverliebte und unsolidarische Karrieristen in der Partei ist, muss auch gegen das „Johannes-Kahrs-System“ sein!

Anträge statt Hausarbeiten!

Konferenzen, Kommissionen und Vorstände dürfen nicht weiter exklusive Treffen von AkademikerInnen sein, die sich über ihre Hausarbeiten und Referate – oft als seitenlange Anträge getarnt – unterhalten und philosophieren. Anträge müssen kürzer und in leicht verständlicher Sprache geschrieben sein. Detailversessene Analysen sind zwar für eine bestimmte Zielgruppe interessant, gehören aber in den Begründungstext und nicht in den Antragstext. Der eigentliche Antrag sollte kurz und knapp unsere Forderungen enthalten und für jeden verständlich und in kurzer Zeit zu erschließen sein.

Zielgruppen entdecken – analysieren – ansprechen

Wir Jusos müssen uns intensiver mit der Vielfältigkeit unserer Zielgruppe beschäftigen. Es darf nicht weiter lediglich in SchülerInnen und Studierende unterteilt werden. Junge Menschen sind weitaus unterschiedlicher und brauchen differenzierte Anspracheformen. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir es schaffen, den Jugendverband interessant und offen für möglichst viele Milieus zu machen.

Dabei müssen wir uns auch stärker an unterschiedlichen Lebensstilen und Subkulturen orientieren, statt an Kategorien wie „Beruf“ und „Bildungsabschluss“.

Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, welche Subkulturen wir erreichen möchten. Möchten wir HipHopperInnen, Emos, Gothics, MetalerInnen, PunkerInnen, RaverInnen, Autonome, Nerds, RollenspielerInnen, Hippies, Skinheads und/oder andere Subkulturen erreichen? Und vor allem wie?

Wie wollen wir die jungen Menschen ansprechen, die auf Grund ihrer Perspektivlosigkeit und Unsicherheit in Religion, traditionelle Rollenbilder und/oder eine eigene kleine Gesellschaft mit eigenen Regeln flüchten? Wie können wir die erreichen, die durch frühe Elternschaft und/oder prekäre Lebensverhältnisse vom gesellschaftlichen Leben weitestgehend abgekoppelt sind?

Entsprechend gilt es auch Arbeitsweisen zu verändern und auf Lebensrealitäten einzugehen. Auch wenn eine Juso-Strömung gerne verkaufen möchte, dass die Juso-Bundesvorsitzende an den desaströsen Wahlergebnissen der SPD Schuld sei, weil sie bei Anne Will gesagt hat, dass wir Jusos gerne den Kapitalismus überwinden und einen demokratischen Sozialismus realisieren wollen, hat dies mit der Realität wenig zu tun: Man muss sich vielmehr die Frage stellen, ob die über die klassischen Medienkanäle vermittelten politischen Inhalte unsere Zielgruppe überhaupt erreichen oder ob es nicht vielmehr so ist, dass die Konkurrenz durch unterhaltsame Medienformate der politischen Berichterstattung in Bezug auf den Medienkonsum junger Menschen längst den Rang abgelaufen hat. Gegen Navy CIS, die neuesten Musikvideos oder einen Raid bei WoW ziehen Anne Will und Frank Plasberg in der Regel den Kürzeren. Auch diese Realität gilt es zu akzeptieren.

Wir müssen offene Arbeits- und Mitmachformen entwickeln. Wir müssen uns auch mal zufrieden geben, bei Veranstaltungen nicht hoch wissenschaftlich zu arbeiten, sondern niedrigschwelliger Wünsche und Ziele zu erarbeiten und zu formulieren. Weg mit den Schranken im Kopf! Nicht jede Idee, nicht jeder Vorschlag muss sofort in einen Gesetzestext umwandelbar sein. Politik braucht Ziele und Visionen. Wer Visionen hat sollte nicht zum Arzt, sondern in die Politik gehen. Wer keine Visionen hat, sollte besser keine Politik machen, sondern in die Verwaltung gehen.



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